Zermahlene Knochen & „Geköpfte“ Heilige – die Tonfiguren vom Molkenmarkt

Es ist ein Tag auf der Ausgrabung wie viele andere auch. Mit Schaufeln und Kratzern rücken die Archäologinnen und Archäologen dem Erdreich zu Leibe, um Spuren aus Berlins Vergangenheit frei zu legen. Da sie immer wieder anderes frei legen und dokumentieren, gibt es auf der Ausgrabung aber keine Routine.

Text: David Hölscher

10.11.2025

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Eine der Strukturen, fachlich Befund genannt, die sie an jenem Tag frei legen, ist eine Grube in einem ehemaligen Hinterhof. Sicher bestimmen aus welcher Zeit sie stammt und wozu sie diente lässt sich nicht mehr. Denn spätere Eingriffe in den Boden haben diesen Befund gestört. Es könnte sich um eine Abfallgrube handeln, wie es sie zu hunderten in der vormodernen Stadt gegeben haben muss. Ein Teil der Funde daraus stammt aus dem Mittelalter, Scherben von den üblichen Tongefäßen, aber auch Figuren aus hellem, fast weißem Ton, nur etwa acht Zentimeter klein.

Statuette der Heiligen Katharina aus dem 15. Jahrhundert
© Landesdenkmalamt Berlin, Julia-Marlen Schiefelbein

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Bereits zuvor wurden am Molkenmarkt Tonfiguren gefunden, beispielsweise eine Krippe mit Kind, eine Statuette der Heiligen Katharina und eine Figur, die Maria mit Jesus zeigt. Beide stammen aus dem 15. Jahrhundert. Hier aber liegen duzende, nein hunderte – die spätere Zählung wird mindestens 188 Stück ergeben (!) – dicht beieinander. Das ist neu und ganz ungewöhnlich!
Und noch etwas ist merkwürdig: bei fast allen dieser Figuren ist der Kopf abgebrochen. Sie sind jedoch nicht völlig kopflos, denn auch zahlreiche Köpfe finden sich bei den Körpern. Die Figuren zeigen eine weibliche Figur mit offenem, gelocktem Haar. Manche Exemplare tragen darauf auch eine Krone. In den Händen vor ihrem Bauch befindet sich eine Kreisförmige Aussparung, in der vereinzelt noch eine Füllung erhalten ist. Was hat das zu bedeuten?

Madonna mit Jesuskind aus dem 15. Jahrhundert
© Landesdenkmalamt Berlin, Julia-Marlen Schiefelbein

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Die Spurensuche führt zunächst zu den sogenannten Kruseler Püppchen. Ebenfalls weibliche Figuren aus hellem Ton aus dem späten Mittelalter. Namensgebend ist eine besondere Frisur, die sich Kreisförmig wie ein Kranz oder eine Haube um den Kopf legt. Die Forschung schreibt sie mal dem religiösen Leben, mal dem Spiel zu. Die Funde aus Berlin würden diese Gruppe schlagartig vergrößern, denn von ihnen gibt es nur eine Handvoll in ganz Deutschland. Aber die Figuren vom Molkenmarkt sind ähnlich und doch anders. Die vorläufige Datierung durch Vergleiche ordnet sie dem 14. Jahrhundert zu. Ihr Erscheinungsbild lässt an Heilige denken. Und genauere Untersuchungen enthüllen eine kleine Sensation.


Die Heiligenfiguren (Reliquiare) in der Vitrine zur Gründungszeit im Untergeschoss des PETRI Berlin
© PETRI Berlin / David Hölscher

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Die naturwissenschaftlichen Analysen durch Dr. Małgorzata Daszkiewicz von der Freien Universität Berlin und dem Labor ARCHEA in Warschau zeigen, dass der Ton und eine glasartige Masse in der runden Mitte Knochensplitter enthalten. Und mindestens in einem Fall ist es der Knochen einer menschlichen Hand. Damit deutet alles darauf hin, dass diese Figuren Reliquien enthielten, also als Reliquiare gedacht waren. Welcher Heiligen sie zugeschrieben werden können ist noch unklar. Unter den zahlreichen weiblichen Heiligen des Mittelalters sind unter anderem die Heilige Elisabeth von Thüringen bzw. von Ungarn oder die Heilige Ursula mit den 11.000 Jungfrauen denkbar. Auch wo sie hergestellt wurden konnte bisher nicht geklärt werden. Aufschluss könnte der Ton geben; der Vergleich mit bekannten Tongruben war bisher jedoch ohne Erfolg. Werkstätten für Heiligenfiguren existierten jedenfalls in Breslau und Köln.

Archäologische Ausgrabungsstätte mit Bauarbeiten und mehreren Personen, die Erde und Steine untersuchen.
Bei den Ausgrabungen am Berliner Molkenmarkt kommen immer wieder erstaunliche Funde aus Berlins frühester Geschichte zum Vorschein.
© Landesdenkmalamt Berlin, Anna Schimmitat

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Dass so viele der Figuren ihren Kopf verloren, könnte laut der technischen Untersuchungen auf Herstellungsfehler zurückzuführen sein. Sicher ist dies allerdings nicht. Wurden sie also beim Transport beschädigt oder ganz gezielt „geköpft“? Vielleicht als Reliquien-Fälschungen aus dem Verkehr gezogen und zerstört?
Diese Fragen beschäftigen die Forschung weiterhin.

Aktuelle Informationen zum Molkenmarkt finden auf der Website zum Molkenmarkt.

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