Wo Alt-Berlin weichen muss

Die Freiflächen zwischen Fernsehturm und Spree, mit dem Rathausforum und dem Marx-Engels-Forum werden umgestaltet. An mehreren Stellen sind dafür größere Eingriffe in den Boden nötig – und das mitten im historischen Kern der Hauptstadt. Damit dabei Spuren der Stadtgeschichte nicht unbemerkt verloren gehen, finden vor den Baumaßnahmen archäologische Ausgrabungen statt.

24.03.2026

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Unser Autor hat sich im November 2025 auf der Ausgrabung umgeschaut und mit Grabungsleiter Gerson Jeute gesprochen. Die Arbeiten fanden gerade gegenüber vom Humboldt Forum entlang der Promenade an der Spree statt. In Warnweste ging es durch die von Baggerspuren aufgewühlte weiche Erde hinunter zu den freigelegten Kellerräumen mit Mauern aus Backstein und Kalkstein. Sie bilden die Reste der Bebauung die bis etwa 1950 an diesem Abschnitt der Burgstraße stand. In der DDR wurden die oberirdischen Reste der Häuser abgetragen und dieser Abschnitt der Straße zu einer Promenade an der Spree umgestaltet. Ein Teil der Keller wurde bereits damals abgetragen, der Rest wird nach den Ausgrabungen bis zur Bautiefe entfernt. So lässt sich ein einheitlicher stabiler Baugrund für den neuen Zugang zur Spree herstellen. Entstehen sollen eine neue Freitreppe als öffentlicher Aufenthaltsraum sowie Rasenflächen. Die historische Substanz geht verloren und bleibt nur in den archäologischen Aufzeichnungen belegt. Das gleiche passierte bereits auf den Versickerungsflächen, die in anderen Bereichen der Freiflächen eingerichtet werden.
Zu Beginn der Ausgrabungen waren die Keller noch mit Schutt vom Abriss verfüllt. Sie sind wie Zeitkapseln: verkohlte Akten, Wasserzähler, Medizinfläschchen und Druckerpressen wurden aus ihnen geborgen und zeugen von den gewerblichen Nutzungen in diesen Gebäuden. Bei der Besichtigung gehen Gerson Jeute und der Autor durch die bereits freigelegten Kellerräume

Durchgang in einem freigelegten Keller.
© Gerson Jeute

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Böden und Wände sind an den meisten Stellen noch vorhanden, die Decken fehlen. In einem Bereich liegen noch große Rollen verkohltes Druckereipapier, teils übereinandergestapelt, im Rest einer Kellerverfüllung. Sie reichen wohl bis zur Brust einer 1,80 m hohen Person und bilden ein eindrucksvolles Zeugnis davon, womit Archäologinnen und Archäologen es in Berlin zu tun bekommen.

Verkohlte Rollen von Druckereipapier im Schutt.
© Gerson Jeute

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Bis Anfang 2026 werden über 80 Stück dieser Rollen dokumentiert worden sein.
Wie direkt aus dem Leben wirken Abfalleimer, Heizöfen und die Reste einer Fahrstuhlanlage, die alle noch an Ort und Stelle stehen. Was kurios anmutet, ist allerdings im zentralen Stadtgebiet keine Seltenheit. Auch bei anderen Untersuchungen treffen Ausgräberinnen und Ausgräber immer wieder auf Öfen und Aufzüge. Von letzteren finden sie meist Reste der Winde und des Schachts, vereinzelt steht im Schacht aber auch noch die Kabine – ein quaderförmiges, verrostetes Stahlgebilde.

Kellerraum mit gemauerten Wänden und einer Treppe. Sie ist mehr als elf Stufen hoch. Die Decke fehlt. Neben der Treppe steht ein gemauerter Schacht. Davor befindet sich auf dem Kellerboden ein flaches Podest aus Backstein. Auf dem Podest steht ein verrostetes Gestell mit technischen Teilen (Reste eines Elektromotors) und einer verbogenen waagerechten Achse. Die Spindel für das Aufzugseil fehlt.
Reste einer Winde für einen Fahrstuhl
© Gerson Jeute
Eine Mauer aus Bruchstein steht auf dunkler Erde. Ihr oberer teil fehlt. In die Mauer sind nebeneinander zwei Bögen aus Backstein eingebaut. Im Hintergrund ist vom Humboldt Forum die moderne Fassade zu erkennen.
Entlastungsbögen aus Backstein in einer Kalksteinmauer.
© Gerson Jeute

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Und noch etwas eher Typisches zeigt sich in den Kellern der ehemaligen Burgstraße: teilweise klaffen Löcher in den Wänden. Es sind Durchgänge, die während des Zweiten Weltkriegs geschaffen wurden, um gemäß der Luftschutzvorschriften von einem Raum in den Nächsten zu gelangen.
Die meisten dieser Spuren stammen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, manche der Gebäude besaßen aber Mauern, die aus dem 16. oder 17. Jahrhundert stammen. Fachleute erkennen sie an der Art, wie sie gebaut sind und am Material, Kalkstein. Doch der größte Teil der Bausubstanz hier am Spreeufer besteht aus Backstein. Bereits beim Bau der älteren Fundamente wurden immer wieder Entlastungsbögen gemauert, um ein Absacken einzelner Wände im weichen Baugrund zu verhindern.
Mehrere gemauerte Abwasserschächte zeugen von der Zeit, bevor es eine zentrale Kanalisation in Berlin gab. Sie alle führen zur Spree.

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Die Nachbarschaft, die das Grabungsteam hier aufgedeckt hat, beinhaltete mehrere repräsentative Gebäude.
Auf beiden Seiten der heutigen Karl-Liebknecht-Straße bildeten bis zum Zweiten Weltkrieg zwei gleichartig gebaute Eckhäuser an der Liebknechtbrücke (damals Kaiser-Wilhelm-Brücke) eine Art Torsituation. Bei der Ausgrabung wurden Überreste des südlichen Eckhauses aufgedeckt und wenige Spuren von seinem Vorläufer. Dieser beherbergte bis zu Beginn der 1880er Jahre die Königlich Preußische Kriegsakademie, gegründet unter König Friedrich II. Durch die Ausbildung hochrangiger Militärs ein Schicksalsort für Deutschland und Europa. Am anderen Ende des untersuchten Bereichs, hin zur Rathausbrücke, stand das bekannte Hotel „König von Portugal“. Dessen Grundstück liegt jedoch außerhalb der Ausgrabungsfläche, sodass offenbleibt, wie viel von der Bausubstanz noch im Boden schlummert.

Gebäude an der Burgstraße im 19.Jh. (vor 1882).
© Landesdenkmalamt Berlin, Archiv

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Während die Ausgrabungen am Spreeufer gegenüber des Humboldt Forums inzwischen abgeschlossen sind, ist die archäologische Arbeit noch nicht vorbei. Zu jeder archäologischen Untersuchung wird ein Bericht erstellt, die Funde müssen inventarisiert, gereinigt und konserviert werden. Eine eingehende Erforschung kann erst danach beginnen, vorausgesetzt dazu gibt es ein wissenschaftliches Projekt. All das geschieht noch, während die Ausgrabungsstätte längst wieder mit Erde aufgefüllt ist und buchstäblich Gras darüber wächst – oder eben eine neue Treppe gebaut wird.
Im PETRI geben wir Einblicke darin, wie diese Arbeitsschritte aussehen können.
Wir danken dem Grabungsleiter Dr. Gerson Jeute für den Einblick in die Ausgrabung und das zur Verfügung gestellte Bildmaterial.

Autor: David F. Hölscher

Zerstörte Häuser und Trümmer an der Burgstraße 1947.
© bpk-Fotoarchiv / Carl Weinrother