Archäologische Fenster in Berlins historischem Zentrum: Bürgerhäuser im Hotel Capri by Fraser

Die Ausgrabungen am Petriplatz in den Jahren 2007 bis 2009 brachten archäologische Spuren vom 12. Jahrhundert bis in die jüngere Vergangenheit ans Licht. Mit ihnen wurde der historische Kern von Cölln wieder greifbar, der mit dem Abriss der Petrikirche 1964 endgültig verloren ging.
Die angetroffenen Spuren reichen von den Gebeinen der ältesten Bewohner der Stadt, über Reste von Kellern und Häusern des 13. Jh., der Kirche und der Lateinschule von Cölln bis zu Kellern eines Kaufhauses des 20. Jh.
Heute steht am Ort neben dem PETRI Berlin und der Baustelle für das House of One das 2017 eröffnete Hotel Capri by Fraser. Doch was kam davor?

18.06.2026

Das Rathaus von Cölln

Der Standort des Hotels ist geschichtsträchtig. Denn dort, an der Kreuzung von Breite Straße, Mühlendamm, Gertraudenstraße und Fischerinsel, stand für mindestens 450 Jahre das Rathaus von Cölln. Diese bis 1709 eigenständige Schwesterstadt Berlins nahm den südlichen Teil der Spreeinsel ein. Wie auch Alt-Berlin, war Cölln geprägt durch eine dichte und kleinteilige Bebauung. Heute ist davon oberirdisch kaum noch etwas übrig. Ein Besuch der Lobby des Capri offenbart jedoch Zeugnisse der verloren gegangenen Stadt. Nach den Ausgrabungen wurden dort Reste von Bauwerken aus dem Mittelalter und der Neuzeit konserviert. Sie sind in einem Archäologischen Fenster zu sehen.
Den ältesten sichtbaren Baurest bildet eine Feldsteinmauer aus dem 14. oder frühen 15. Jahrhundert, die womöglich zum mittelalterlichen Rathaus von Cölln gehörte. Ab wann Cölln ein Rathaus besaß ist unklar. Die früheste schriftliche Erwähnung stammt von 1448. Bereits im 13. Jahrhundert könnte aber ein Rathaus in Cölln existiert haben. Denn Cölln und auch das benachbarte Berlin wurden in der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts zu Städten im Sinne des mittelalterlichen Rechts.
Die historische Überlieferung nennt eine Gerichtslaube als Teil des Rathausbaus. Einen solchen Gebäudeteil besaßen viele mittelalterliche Rathäuser im Norddeutschen Raum und der Mark Brandenburg, auch jenes von Berlin. Die Gerichtslaube diente der Rechtsprechung. Im Erdgeschoss waren mehrere Wände offen und dort wurde öffentlich Gericht gehalten. Vor dem Rathaus – im Bereich der heutigen Straßenkreuzung – lag der Marktplatz der Stadt, auch bekannt als „Köllnischer Fischmarkt“. Auf diesem wurden im Anschluss an Gerichtsverhandlungen mit Todesurteil auch Hinrichtungen durchgeführt.

Federzeichnung aus dem Jahr 1703 des Cöllnischen Rathauses mit Spitzdach und Turm, betitelt „Das Gelöbnis Rath-Haus“.
Das Cöllnische Rathaus, Federzeichnung von Martin Grünberg, 1703
Archiv Landesdenkmalamt Berlin, Wikimedia Commons, gemeinfrei

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In Zusammenhang mit dem Markt und der Wirtschaft in der Stadt steht die 1612 erwähnte Ratswaage. Sie diente der Kontrolle genormter Produkt-Mengen und der Festlegung von Abgaben wie z.B. Zöllen. Knapp hundert Jahre später wurde das alte Rathaus durch einen barocken Neubau ersetzt.

Grund war der Plan des Königs Friedrich I. die regierenden Gremien von Berlin und Cölln zusammenzulegen und dort den gemeinsamen Rat tagen zu lassen. Die Städte wurden 1710 zusammen mit der Friedrichstadt, der Dorotheenstadt und der Stadt Friedrichswerder zur Residenzstadt Berlin vereinigt. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm I. verfolgte diesen Plan allerdings nicht weiter. Daher war die eigentliche Funktion des neuen Rathauses bei der Fertigstellung 1723 bereits nicht mehr vorgesehen.

Ein Platz ist links und rechts von Häusern mit drei oder vier hohen Stockwerken und barocken Fassaden begrenzt. Die Farben sind gedeckt; es dominieren Töne von helle Braun, Beige und Rosa. Vereinzelt sind Bauten auch grau-blau. Auf dem Platz herrscht Marktgeschehen mit Buden aus Holz und großen Bottichen, die mit Wasser gefüllt sind. Die Menschen tragen Kleidung des 18. Jahrhunderts, wie Gehröcke und Dreispitz oder Kleider mit weiten Röcken. Die Bildmitte dominiert das Rathaus von Cölln. Es ist ein großes Gebäude mit drei Stockwerken über einem Erdgeschoss oder Souterrain. Das Dach ist ein komplexeres Walmdach. In der Mitte des Gebäudes ragt aus der Fassade im Dach ein Turmstumpf mit steilem Walmdach hervor. Im Hintergrund sind weitere Häuser und die barocke Petrikirche zu erkennen. Die Fassaden vieler Häuser sind durch unterschiedliche Elemente Strukturiert.
Der Fischmarkt in Cölln, mit Petrikirche im Hintergrund, Radierung von 1785, von Johann Georg Rosenberg.
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Jörg P. Anders, Public Domain Mark 1.0

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In das neue Gebäude zogen Teile der Stadtverwaltung ein; später fand dort auch Unterricht der Cöllnischen Lateinschule und der Volksschule statt. Während der Märzrevolution 1848 kam es zu Kämpfen an Barrikaden vor dem Rathaus, aber auch im Gebäude selbst. Mehrere Menschen wurden dabei getötet.

Barrikadenkämpfe vor dem Cöllnischen Rathaus 1848.
Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Knut Petersen

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Die städtische Verwaltung wurde 1870 in das Rote Rathaus verlegt, 1880 bezog das Märkische Museum Räume im Cöllnischen Rathaus. Im Jahre 1899 wurde das nunmehr funktionslose barocke Rathaus von Cölln abgerissen, sodass Platz für eine Verbreiterung der Gertraudenstraße entstand.
Zum Rathaus-Komplex gehörte jedoch nicht nur der eigentliche Rathausbau, sondern auch einige benachbarte Gebäude. Die Ratswaage wurde innerhalb dieser Bauten 1829 auf die Seite zum Petriplatz verlegt. Dort erinnern Markierungen im Pflaster an Rathaus und Ratswaage.

Überreste der bürgerlichen Stadt: Das Archäologische Fenster im Hotel Capri

Der Abriss betraf den gesamten Rathauskomplex. Vom Abriss verschont blieben aber zwei Privathäuser an der Scharrenstraße, die Nummern 21 und 22. Ihre Spuren sind es, die den größten Teil der Überreste im Archäologischen Fenster im Hotel Capri ausmachen.

Historische Stadtansicht mit Gebäuden und Kopfsteinpflasterstraße in Schwarz-Weiß.
Rückseite des Rathauskomplexes von Cölln am Petriplatz mit Ratswaage (unter den Säulen) im Jahr 1887, links im Bild die Scharrenstraße (schmalere Häuser mittig: Nr. 20 & 21), Fotografie von Albert Schwartz.
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz / Albert Schwartz

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Während historisch zwei Grundstücke zu fassen sind, könnten dort ursprünglich drei mittelalterliche Parzellen gelegen haben. Dies legen die Größe und Struktur der Grundstücke nahe. Obwohl die mittelalterliche Grundstruktur der Stadt bis ins 19. Jahrhundert und teilweise bis zum zweiten Weltkrieg erhalten blieb, kam die Zusammenlegung von einzelnen Parzellen ab dem späten Mittelalter immer wieder vor.
Die erhaltenen Mauerreste und Fußböden im Archäologischen Fenster stammen aus dem 14. oder 15. bis 19. Jahrhundert. An ihnen sind viele Aus- und Umbauten zu erkennen. Generationen von Hauseigentümern passten die Bauten immer wieder an die veränderten Bedürfnisse an, erneuerten Fußböden, überbauten Hofbereiche, fügten den Häusern Teile hinzu oder entfernten sie. So hinterließen etwa 600 Jahre bürgerliches Bauen und Wohnen in der Stadt ihre Spuren an diesem Ort.

Freigelegte Keller während der Ausgrabungen 2008.
Landesdenkmalamt Berlin / Jamie Sewell

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Vom Wandel in der Stadt zeugen auch ein Brunnen und eine Abwasserleitung. Sie liegen im Archäologischen Fenster nur wenige Meter voneinander entfernt. Auch zeitlich liegen sie vermutlich nicht weit auseinander. Der Brunnen wird dem 19. Jahrhundert zugeordnet. Zwischen der Mitte und dem Ende desselben Jahrhunderts wurden die zentrale Wasserversorgung und die Kanalisation zur Entsorgung in Berlin aufgebaut. Der Brunnen im Keller von Nr. 22 liegt in einem Bereich, der ursprünglich Hinterhof war. Es ist jedoch unklar, ob er in das Haus eingebaut wurde oder bereits in den unbebauten Hinterhof. Der Anschluss an die zentrale Wasserversorgung machte ihn jedenfalls obsolet; der Schacht wurde verfüllt.

In einem Boden aus Backstein klafft ein Loch. Darin liegt ein runder Brunnenschacht, gemauert aus Backsteinen. Die Steine sind gelb und rot, aber von Resten dunkler Erde, vielleicht auch Ruß aus der Erde, dunkel gefärbt.
Der Brunnen währed der Ausgrabungen 2009.
Landesdenkmalamt Berlin / Jamie Sewell

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Bei den Ausgrabungen stellten die Forschenden fest, dass unter den Kellerböden noch Überreste aus dem 13. oder 14. Jahrhundert liegen. Möglicherweise sind dort neben Gruben und Erdschichten auch noch Keller, Brunnen und Latrinen aus Holz zu finden. Solche wurden an anderen Stellen bei den Ausgrabungen am Petriplatz freigelegt.
Unter dem Archäologischen Fenster im Hotel Capri sind sie im Boden wie in einem Archiv bewahrt.

Holzbalken von einem mittelalterlichen Keller
Landesdenkmalamt Berlin / Jamie Sewell

Kommerz statt Kommunalverwaltung: Kaufhaus Hertzog am Rathausstandort

Um die Keller von Scharrenstraße Nr. 21 und 22 herum fanden sich bei den Ausgrabungen die Keller eines Kaufhauses (Gertraudenstraße 1-7), 1916 durch die Firma Kaufhaus Rudolph Hertzog errichtet. Es lag in etwa dort, wo zuvor das Rathaus von Cölln gestanden hatte. Das Warenhaus-Unternehmen nahm um 1900 den gesamten Block zwischen Breite Straße, Neumannsgasse, Brüderstraße und Scharrenstraße ein. Seit der Gründung in der Breite Straße im Jahr 1839 hatte es sich zum größten der Kaufhäuser in Berlin entwickelt. Das Erfolgskonzept war im 19. Jahrhundert innovativ: Versandhandel per Katalog mit Festpreisen.
Das Unternehmen war auch in der Deutschen Kolonie im heutigen Namibia vertreten. Als einziger großer Kaufhaus-Konzern überstand Kaufhaus Rudolph Hertzog die NS-Zeit in der Hand seiner Besitzer.
Nahezu der gesamte Kaufhauskomplex sowie die Häuser Scharrenstraße Nr. 21 und 22 wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Zu den Funden von der Ausgrabung aus dieser gewaltvollen Phase gehören Luftschutzräume und im Feuer von Brandbomben verschmolzene Glasperlen aus der Schmuckabteilung des Kaufhauses.

Leuchtend grüne geschmolzene Glasperlen mit glatten Oberflächen und kleinen Einschlüsse, eingebettet in helles Gestein.
Glasperlen aus dem Kaufhaus Hertzog, zerschmolzen im Feuer des Krieges, Funde der Ausgrabungen am Petriplatz.
Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / Claudia Plamp
Bunte, glänzende Objekte in unterschiedlichen Formen und Größen, dicht beieinander, mit sichtbaren Löchern.
Glasperlen aus dem Kaufhaus Hertzog, Funde der Ausgrabungen am Petriplatz.
Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / Claudia Plamp

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Von den Bauten des Großunternehmens Hertzog blieb nur das Gebäude Brüderstraße 26 an der Ecke zur Scharrenstraße von 1908/1909. Mit der Enteignung der Nachfahren Rudolph Hertzogs durch die DDR 1949 endete die Firmengeschichte faktisch. Der Staat richtete im Gebäude ein Modekaufhaus ein. Nach der Wiedervereinigung stand das Gebäude leer, wurde 2015 bis 2018 in Stand gesetzt und ist heute wieder in Nutzung. Dass dort ein großer Online-Versandhandel Büroräume eingerichtet hat, erscheint als interessante Wendung der Geschichte.
Das Haus Brüderstraße 26 und die archäologischen Überreste im Hotel Capri stehen unter Denkmalschutz. Reste der historischen Bebauung liegen allerdings womöglich noch unter dem Gehweg und Straßenland von Breite Straße und Gertraudenstraße.

Archäologische Fenster & ARCHÄOLOGISCHER PFAD Berlin

Das Archäologischen Fenster im Hotel Capri ist nicht der einzige Ort im historischen Zentrum Berlins, an dem originale Überreste erhalten und ausgestellt sind. Zu den weiteren gehören u.a. die Fundamente der Lateinschule und der Petrikirche im PETRI Berlin, der Schlosskeller im Humboldt Forum und romanische Fundamente in der Nikolaikirche. Zudem befinden sich neue Archäologische Fenster bei den Bauprojekten am Molkenmarkt und an der Breite Straße in der Entwicklung.

Bei einem Besuch im PETRI erfahren Sie mehr über die Ausgrabungen am Petriplatz und die mittelalterliche Stadt. Oder erkunden Sie mit dem ARCHÄOLOGISCHEN PFAD Berlin weitere archäologische Orte und Schauplätze der Geschichte!

Dank: Das Team von PETRI Berlin und ARCHÄOLOGISCHEM PFAD Berlin bedankt sich beim Landesamt für Denkmalpflege Berlin und bei der Ausgräberin Claudia Maria Melisch für die zur Verfügung gestellten Informationen.

Autor: David Hölscher

Das Archäologische Fenster unter der Lobby im Hotel Capri by Fraser.
Landesdenkmalamt Berlin, Wolfgang Bittner